4 1/2 Minuten Meister

Samstag, 19.05.2001, ein Tag der mein Leben veränderte.

Samstag 19.05.2001 17:19 Uhr, vor einer Sekunde war ich und 65000 andere wunschlos glücklich, so recht konnte niemand verstehen was eben auf der Anzeigetafel im Parkstadion, aus dem fernen Hamburg gezeigt wurde, was war geschehen? Der Tag fing so gut an, frohen Mutes pilgerten 65000 ins Parkstadion, um der hässlichen Schüssel im Herzen des Ruhrgebietes die letzte Ehre zu erweisen. Am 4.August 1973 begann die Verbindung zwischen dem Parkstadion und dem FC Schalke 04, am 19.05.2001 fand nun das letzte Spiel statt. Alle freuen sich auf die Arena, aber ein bisschen Wehmut liegt doch an diesem Spieltag in der Luft. Vor allem die Chance beim letzten Spiel im Parkstadion auch einen der größten Erfolge zu feiern, die Meisterschaft! So recht hat jeder der Besucher gehofft das unsre königsblauen Helden den Spieß noch herumdrehen konnten und mit ein Bisschen Glück, und der Hilfe des HSV die zu Hause gegen die Bayern spielten, doch noch Deutscher Meister zu werden. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zu letzt, und einen Funken davon hatte ein jeder Anhänger des FC Schalke 04 davon im Blut.
Das Programm zur Verabschiedung des Parkstadion war vom feinsten, schon zu diesem Zeitpunkt hatten einige (ich auch) Tränen in den Augen und es floss einem Eiskalt den Rücken herunter, die Choreographie auf der Gegengerade und unsere Vereinshymne, gesungen von 65000 Kehlen waren berauschend. Die Stimmung war auf dem Höhepunkt als unsere Helden das Spielfeld betraten.
Der erste Dämpfer trat dann schon nach drei Minuten ein, das 0:1 für Unterhachingen, ich dachte mir: na ja das wird schon, für zwei Tore ist unser Wundersturm immer gut. Doch die Spielentwicklung sprach nicht gerade für den S 04, als dann nach 27 Minuten das 0:2 viel, war mir eigentlich klar, das mit der Meisterschaft kannst du abhaken. Zeitweise lies auch etwas die Stimmung nach, was wohl dann doch auf die enttäuschende Spielweise zurückzuführen war. Als Fußballgott Olli Reck dann eine 100 %ige verhinderte, ging es aufwärts. 1:2 in der 43. Min. durch van Kerckhoven, und dann gleich das 2:2 in der 44. Min durch unsre schwarze Perle Gerald Asamoah. Jetzt genau zur Halbzeit war die Stimmung im ganzen Stadion gigantisch, zumal man noch nichts negatives aus Hamburg gehört hatte. Übrigens das 1:2 und das 2:2 viel erst nachdem mein Nachbar Bier holen ging, er hat keines der beiden Tore gesehen, hatte dafür aber eine kostenlose Bierdusche!!!
2. Halbzeit spielte die Mannschaft zwar sicherer, aber echte Torchancen gab es nicht. Wir alle gaben unser bestes um die Mannschaft nach vorne zu treiben, doch in der 69. Minute stand es plötzlich 2:3 für U-hachingen, wie das passiert ist, keine Ahnung. Doch die Mannschaft kämpfte weiter und Jörg Böhme erzielte bereits in der 71. Minute den 3:3 Ausgleich, und in der 73. Minute haute er noch ein Ding, zum 4:3, rein. Spätestens jetzt hielt es niemand mehr auf den Sitzen, so etwas habe ich noch nie erlebt, wie in Trance bekam ich dann das 5:3 in der 90. Minute durch Ebbe Sand mit. Übrigens fielen die Tore erst nachdem ich meinen Sitznachbarn nach dem 2:3 gebeten hatte bitte wieder Bier zu holen, was er dann auch ohne Protest gemacht hatte, und es hat geholfen, der arme Kerl hat kein einziges Schalke Tor gesehen und ich ihn dann auch nicht mehr.
So also es war also die 90. Minute, Schalke 5, Hachingen 3. Nun plötzlich ging ein Gerücht durch das Parkstadion, Hamburg führt gegen Bayern 1: 0, ich konnte es nicht fassen, jetzt drehten 65000 Zuschauer völlig durch, und ich erst, orgasmusartig, das gibt es doch nicht unser Schalke ist Meister, wir sind Meister. Noch nie im meinem Leben war ich so froh in einem Stadion zu sein, ein geiles Gefühl, bis jetzt hatte ich in meinem Leben noch nichts schöneres erlebt, jetzt flossen Tränen, Freudentränen, ich konnte es nicht fassen, wir waren Deutscher Fußballmeister 2001, Tränen in den Gesichtern wo ich hinblickte. Ich sah zu das ich so schnell wie möglich in den Innenraum kam, wie - keine Ahnung, ob ich über den Zaun oder durch das Tor bin, keinen blassen Schimmer. Auf der Tartanbahn rannte ich auf und ab und war wunschlos Glücklich, und ich durfte bei diesem historischen Moment dabei sein, wie schön. Doch plötzlich packte mich jemand am Arm, und zeigte auf und die Anzeigentafel, das Spiel in Hamburg war noch nicht aus, was ich in den nächsten Sekunden sah, konnte ich nicht fassen, dieser verdammte Ball ging ins Tor. Nein, nein nein, das war nicht wahr, schließlich hatte ich meine Brille nicht dabei, ich dachte jetzt erscheint Fritz Egner von der versteckten Kamera auf der Anzeigetafel und sagt das das nur ein ziemlich mieser Witz war, aber nichts, der Ball war wirklich im Tor. Plötzlich war alles vorbei, ich sackte zusammen, man hat mir in diesem Moment das Herz aus dem Leib gerissen, ich fasste es nicht. Wut nichts als Wut, womit haben wir so etwas verdient, ich heulte Rotz und Wasser und dieser Tränen schäme ich mich nicht. Nach einiger Zeit stand ich auf, Wildfremde Menschen umarmten mich und wir heulten zusammen. Denken, Sprechen konnte ich zu dieser Zeit überhaupt nicht mehr. Man hat uns tatsächlich die Meisterschale wieder aus den Händen gerissen. Es dauerte bestimmt eine halbe Stunde bevor ich wieder etwas von mir gab.
Die Mannschaft, der Trainer und der Manager erschienen auf der Ehrentribüne. Alle die noch im Stadion waren stimmten nun "You'll never walk alone" an, einer der bewegendsten Momente meines Lebens. Vier Minuten waren wir Meister, dann wurde uns die Schale genommen, und eine halbe Stunde später singt das ganze Stadion dieses Lied. Jeder der dort oben Stand weinte, verständlich, nach diesem Treueschwur und bei diesen phantastischen Fans. Verstanden, bzw. kapiert habe ich die ganze Sache immer noch nicht. Selbst nach einigen Bier, vor der Kneipe des Dachverbands, war meine Stimmung beim Gefrierpunkt.
Niemand hätte sich beklagt wenn Bayern in der 60. Minute mit 0:1 geführt hätte, und das Ergebnis über die Zeit gebracht hätte, so hätte man sich mit der Vizemeisterschaft arrangieren können, aber auf solch eine Brutale Art Vize zu werden ist hart.
Seit Samstag leide ich unter Schlaflosigkeit, und sehe immer wieder die Szene auf der Anzeigentafel vor mir.
Diesen 19. Mai werde ich nie vergessen, denn wir waren vier Minuten Meister, und das war ein geiles Gefühl. Stolz bin ich auf diesen Verein, diese Fans, diese Mannschaft. Es ist doch etwas besonderes SCHALKER zu sein, Schalker kann man nicht werden, Schalker ist man. Das Erlebnis wird mich noch mehr mit diesem Verein verbinden, wenn man so etwas zusammen erlebt hat, trennt man sich nicht mehr.

Alexander Henjes